Ich Weiß Nicht

Aelwen Iredale


Abstract

Dieser kreative Aufsatz ist aus der Perspektive eines Kindes geschrieben, das sich an seine Mutter wendet, die in die Welt der Verschwörungstheorien abgeglitten ist. Der Text behandelt die komplexen Gefühle des Kindes—von Wut und Verwirrung bis hin zu Trauer und Verlust—während es mit den Veränderungen in der Weltanschauung seiner Mutter ringt. Ich habe dies geschrieben, um meine eigenen komplexen Gefühle hinsichtlich der Veränderungen in meiner Beziehung zu meinen Eltern zu betrachten. Er soll die tiefgreifenden und oft schmerzhaften Auswirkungen darstellen, die die veränderte Sichtweise einer Person auf ihre Angehörigen haben kann.


Drei Wörter. Es beginnt mit drei Wörtern. Es sind unschuldige Wörter, Wörter, die wir zu sagen ermutigt werden. In diesem Moment sind die Wörter die schlimmsten drei Worte, die ich je gehört habe. Ich habe eine Tatsache festgestellt. Eine “Tatsache:” wissenschaftlich und bewiesen. Warum waren diese drei Wörter die Antwort?

“Ich weiß nicht.”

Das ist, was du gesagt hast. Du weißt nicht. Zweifel, Misstrauen. Dein Tonfall voller Zweifel. So ist es heutzutage immer. Du misstraust heutzutage allen Tatsachen. “Ich weiß nicht” ist kein Zulassen von Neugierde. Es ist dein Zweifel an dem “System.” Du, die Wissenschaftlerin, glaubst nicht an Wissenschaft; diese drei Worte sagten es mir klar. Du interfragst nicht wissenschaftlich, sondern misstrauisch.

Weißt du, wie es war, deine Zweifel zu hören? Es tat mir weh. Das warst nicht Du, die ich kannte—die ich kenne. Wann hast du dich geändert? Ich habe mit dir gelebt, aber ich habe es nicht bemerkt, bis es zu spät war. Du bist ausgerutscht und von der Wissenschaft abgefallen, bevor ich dich aufhalten konnte. Ich habe dich enttäuscht. Entschuldigung. Ich hätte dir helfen sollen (War ich zu jung oder alt genug? Ich fürchte, ich weiß nicht).

Ich hasse “ich weiß nicht.”

Ich hasse, wie diese Zweifel dich von mir gestohlen haben. Die Zweifel wurden schlimmer. Immer und immer schlimmer. Immer und immer mehr Argumente. Ich sage, was ich weiß—nicht was ich glaube! (wie du sagst). Fakten sind echt. Aber du verspottest mich, sagst, dass ich irrational bin, irrational mit meinen Fakten. Und du? Du glaubst an die Irrationalität; du bist rational mit deiner Irrationalität. Daher beginnen die Argumente: ich irrational mit meiner Frustration, du rational mit deinen Verschwörungen.

Ich weiß, ich weiß. Es sind keine “Verschwörungen.” Aber das ist es, was du glaubst. Hier sind die Fakten auf meiner Seite. Es gibt Geheimnisse hinter den Kulissen—falsch. Die Nebenwirkungen des Impfstoffs werden verheimlicht—falsch. Der Klimawandel ist nicht real—falsch. Falsch, falsch, falsch. Verschwörungen. Alles Verschwörungen. Und du siehst das nicht. Von Lügen geblendet. Du hast einen Filter über deinen Augen; die Wahrheit wird zum Zweifel.

Es tut mir leid. Ich weiß nicht, warum ich wütend bin. (Falsch. Ich weiß. Diese Welt und die Verschwörungen haben dich von mir gestohlen). Der Kummer ist schlimmer. Ich sehe die lächerlichen Überzeugungen in dir, über die wir bei anderen Menschen gelacht haben…siehst du nicht, wen du geworden bist? Ich erkenne dich manchmal nicht wieder—ich liebe eine Fremde. Ich weiß nicht, wann wir die Grenze überschritten haben (als du eine Fremde wurdest). Die Grenze zwischen Vernunft und Wahnsinn, Freund und Feind, geliebter Mensch und Fremder ist dünn. Es ist zu spät. Ich habe dich verloren, als ich nicht hingesehen habe. Ich muss einen Verlust beklagen, den niemand sonst sieht. Du stehst vor mir, aber der Leichenzug hat dich schon begraben. In meinem Kopf ist ein Grabstein mit deinem Namen eingemeißelt. Ich habe dich verloren.

Manchmal kann ich es nicht ertragen. Ich tue so, als wärst du noch hier (als wärst du keine Fremde). Ich tue so, als ob ich dich nicht mehr verlieren will. Ich vermeide Politik—das Recht, Impfstoffe, Klimawandel, mehr und mehr und mehr—und ich spreche nicht über das, was ich fühle (kenne… weiß). Es ist keine Angst vor einem Streit. Du weißt, dass ich keine Angst vor einem Streit habe. Aber ich habe Angst. Angst vor der Realität. Angst vor dir—vor dem, woran du glaubst. Was glaubst du sonst noch? Ich fürchte diese Antwort. Ich trauere genug darum, wen du warst. Ich vermisse die Person, die ich kannte. Und deshalb spreche ich nicht über das, was das neue Du glaubt. Ich kann nicht mehr trauern.

Aber manchmal tue ich so, als würdest du zurückkommen. Ich phantasiere—träume, hoffe—dass du merkst, dass du belogen wurdest… wirst (Nicht von mir. Nicht von den Wissenschaftlern. Sondern von deinen Substacks und Podcasts und Videos). Und dann wäre alles gut. Wir würden reden wie früher. Ich müsste keine Teile von mir verstecken. Wir würden wieder du und ich sein.

Ich weiß nicht viel. Nicht, wer du heute bist. Nicht, was ich fühle. Nicht, was die Wahrheit ist. Manchmal weiß ich nicht einmal, ob man den Fakten trauen kann. Aber eines ist wahr. Ich vermisse dich.


Aelwen Iredale is a current undergraduate student at Centre College. Although she works mainly in English and mathematics, languages and the way people connect through them are her second passion. This creative writing project was written for a course of Falsifying German History. Inspired by the way indoctrination into misinformation affects interpersonal relationships, it brings together her interest in writing, languages, and personal connections.


Picture: “Menselijk oog met een afwijking” (1836–1912) print in high resolution by Isaac Weissenbruch. From rawpixel. Original from The Rijksmuseum. This image is in the public domain.

 
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